Das Internet und der Wahlkampf

Zur Bundestagswahl ein beliebtes Thema: Welche Rolle spielt das Internet im Wahlkampf? Dazu war neben vielen anderen Meldungen im Newsticker der dpa, verbreitet über die Homepage der ZEIT, im August zu lesen:

Umfrage: Internet im Wahlkampf ohne große Rolle

Berlin (dpa) – Das Internet spielt laut einer Umfrage im laufenden Bundestagswahlkampf noch keine große Rolle. 72 Prozent der Befragten erklärten, das Netz habe bei ihrer politischen Willensbildung keinen Einfluss.

18 Prozent messen dem Internet zumindest eine geringe Bedeutung zu, wie aus der am Freitag veröffentlichten Umfrage des Instituts Emnid im Auftrag des Nachrichtensenders N24 hervorgeht. Damit ersetze das Netz nicht den herkömmlichen Wahlkampf und habe auch noch nicht die Durchschlagskraft wie in den USA entwickelt. Jedoch könnten vor allem Jugendliche, die sich sonst nicht für Politik interessierten, auf diesem Weg erreicht werden.

Das Institut befragte am 12. August rund tausend Menschen.

Diese unspektakuär klingende Meldung offenbart ein wahrscheinlich gravierendes konzeptionelles Problem bei der Erhebung der Daten. Um herauszufinden, welche Bedeutung das Internet für den Wahlkampf hat, stellte Emnid offensichtlich eine Frage der Art: “Haben Inhalte im Internet einen Einfluss auf Ihre politische Willensbildung?” Eine Mehrheit von 72% der Befragten verneinte dies.

Dieses Ergebnis ist keineswegs überraschend. Es sind viele Studien-Beispiele bekannt, in denen die Rezipienten von Medien – ob von Fernsehen, Radio oder Zeitung – eine Wirkung dieser Medien auf eigene Meinungen und Vorstellungen von der Wirklichkeit bestritten haben. Werden sie dagegen nach der Wirkung von Medien auf die anonyme Masse der Gesellschaft gefragt, sprechen sie Medien ein deutlich höheres Wirkungspotenzial zu. Vereinfacht gesagt zeichnet sich ein Muster “Auf mich wirken die Medien nicht, aber auf alle anderen.” ab. Es resultiert aus einer diffusen Vorstellung der Menschen über die Wirkungsmacht von Medien einerseits und einem positiven Selbstbild, zu dem Unbeeinflussbarkeit zählt, andererseits. Kommunikationswissenschaftler bezeichnen diese Tendenz als Firtst-Person-Effect oder Third-Person-Effect.

Was hat diese allgemeine Erkenntnis über die Wirkungsannahmen von Medien mit der Internet-im-Wahlkampf-Umfrage zu tun? Es ist jedenfalls nicht unplausibel, anzunehmen, dass auch beim Medium Internet ein First-Person- oder Third-Person-Effekt relevant ist; d. h. dass Menschen, die nach möglichen Wirkungen des Internets auf ihre Einstellungen befragt werden, solche aus Gründen der Wahrung eines positiven Selbstbildes für sich selbst ausschließen. Unter diesen Voraussetzungen erscheint die direkte Frage nach an der eigenen Person wahrgenommenen Einflüssen des Internets ungeeignet, um die Rolle dieses Mediums für die politische Willensbildung im Allgemeinen sowie im Wahlkampf im Speziellen zu klären.

Stattdessen müssten theoretisch Annahmen über einzelne mögliche Medienwirkungen, wie z. B. Agenda Setting, formuliert werden, um diese dann empirisch zu prüfen. Das ist selbstverständlich ein sehr viel komplexeres Unterfangen als die simple Frage nach wahrgenommenen Medieneinflüssen. Die Daten wären allerdings auch ganz eindeutig belastbarer.

1 Kommentar

Eingeordnet unter Allgemeines

Eine Antwort zu Das Internet und der Wahlkampf

  1. Sehr plausibler und durchdachter Artikel. Interessant auch deshalb, weil das Internet oftmals als Plattform zur Meinungsbildung beschrieben wird – dementsprechend sieht man hier oftmals einen viel aktiveren Rezipienten, als dies beispielsweise beim Fernsehen der Fall ist.

    Grüße aus Südafrika!

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