Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V., kurz BITKOM, vermeldete im August per Pressemitteilung und Pressekonferenz: “Das Internet wird wahlentscheidend”. Die entsprechenden Materialen sind auf der Website des BITKOM abrufbar.
Im Wesentlichen stützt sich die Schlussfolgerung, das Internet sei wahlentscheidend, auf zwei Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Personen ab 18 Jahren: Erstens stimmten 44 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass eine Partei ohne den Einsatz des Internets heute keine Wahl mehr gewinnen kann. Zweitens informierten sich drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen im Internet über Politik; damit sei das Internet für die jüngeren Wähler das Informationsmedium Nummer eins für politische Themen.
Zu Erstens: Dieses Ergebnis muss relativiert werden vor einem ähnlichen Hintergrund wie die im letzten Blogbeitrag besprochene Umfrage. Wenn ich, wie hier geschehen, Menschen nach der Wichtigkeit, der Rolle, der Bedeutung eines Mediums in einem bestimmten Kontext befrage, erhalte ich eine Bevölkerungswahrnehmung ebendieser Wichtigkeit des Mediums; ich erhalte eine Information darüber, welches Bild sich die Menschen im Durchschnitt über die Rolle eines Mediums machen. Ich erhalte aber keine Information darüber, wie wichtig ein Medium tatsächlich ist, z. B. als Kommunikationskanal im Wahlkampf. Vielleicht unterschätzen die Menschen im Durchschnitt die Wirkmacht eines Mediums, oder sie überschätzen sie. Ich werde mit einer solchen Fragestellung jedenfalls nur eine durchschnittliche Meinung über die Rolle eines Mediums in Erfahrung bringen, aber nur indirekt etwas über die tatsächliche Rolle des Mediums. Abgesehen von dieser Kritik an der Methode scheint auch die Zahl 44 Prozent – vor dem Hintergrund der Schlussfolgerung “wahlentscheidend” – nicht sehr überzeugend. Wie viele Prozent der Befragten hätten wohl der Aussage zugestimmt, dass eine Partei heute eine Wahl ohne Wahlplakate nicht gewinnen könne?
Zu Zweitens: Dass das Internet in der jüngsten Bevölkerungsgruppe das meistgenutzte Informationsmedium ist, ist sehr wahrscheinlich richtig, für manchen vielleicht eine neue und beeindruckende Information, insgesamt aber nicht (mehr) überraschend. Etwas Ernüchterung tritt ein, betrachtet man den Durchschnitt aller Befragten über alle Altersgruppen hinweg: Nur 45 Prozent nutzen heute das Internet als Informationsquelle für politische Themen. Damit liegt das Internet nur auf Platz fünf nach den klassischen Massenmedien und persönlichen Gesprächen. Der BITKOM verschweigt diese Information nicht.
Allerdings zieht er trotzdem die Schlussfolgerung “Das Internet wird wahlentscheidend”. Ich habe versucht zu zeigen, dass die Argumente, die in dieser Schlussfolgerung münden, auf sehr wackeligen Beinen stehen: Zum einen wird eine Wahrnehmung in der Bevölkerung interpretiert, als sei sie eine verbriefte Wahrheit. Zum anderen geben nur 45 Prozent der Befragten an, das Internet überhaupt zur politischen Information zu nutzen. Bei diesen Einwänden erscheint es doch eher schwierig, die Schlussfolgerung zu ziehen, das Internet werde wahlentscheidend. Dass dies der BITKOM als Interessenverband von Unternehmen aus der Internet-Branche tut, ist dabei (fast) noch zu akzeptieren. Es zählt immerhin zu seinen Aufgaben und es ist wohl sein gutes Recht, eine Interpretation der Wirklichkeit im Sinne seiner Mitglieder zu kommunizieren, auch wenn die Sicht der Dinge nüchtern betrachtet etwas einseitig sein mag.
Problematisch ist aber, wenn Journalisten Informationen aus Pressemitteilungen und Pressekonferenzen nicht prüfen, oder die kritische Distanz zur Materie nicht wahren – auch wenn sie “nur” für den Online-Auftritt eines Mediums arbeiten. Dazu wären in diesem Fall gar keine weiteren Quellen notwenig gewesen, noch nicht einmal Überlegungen wie oben (obwohl natürlich wünschenswert). Es hätte schon gereicht, in der Berichterstattung ganz eindeutig herauszustellen, dass Schlussfolgerungen, wie “Das Internet ist wahlentscheidend”, Interpretationen eines bestimmten Interessenverbandes sind. Dazu zählt zum Beispiel, dass man solche Interpretationen als Zitate kenntlich macht – auch und gerade wenn sie sich als Überschrift direkt von der gut aufbereiteten Pressemitteilung abschreiben lassen. Die tagesschau zum Beispiel hat sich dementsprechend verhalten, Handelsblatt und ZEIT zum Beispiel nicht. Ein Leser oder User, der eine solche Überschrift liest, ohne dass sie als Zitat gekennzeichnet ist, muss die Information für eine Tatsache halten und kann sie nicht richtig einordnen. Allerdings kann dem Handelsblatt zumindest zu Gute gehalten werden, dass dort eine zweite Quelle zitiert wurde, die die einseitige Dateninterpretation ansatzweise relativiert.
