… liefert die Markt- und Meinungsforschung hin und wieder Ergebnisse, die beim aufmerksamen Beobachter Stirnrunzeln provozieren.
Anfang dieser Woche vermeldete FinanceScout24 per Pressemitteilung, 68 Prozent der deutschen Autofahrer informierten sich inzwischen auf Online-Vergleichsportalen über die Konditionen und Leistungen von Kfz-Versicherungen. Das persönliche Gespräch mit dem Versicherungsberater werde dagegen nur noch von 39 Prozent der deutschen Autofahrer wahrgenommen.
Nahezu gleichzeitig veröffentlichte die DA Direkt Versicherung eine Untersuchung zum gleichen Thema. Die Ergebnisse hier, wie von WELT ONLINE berichtet: 31,1 Prozent der deutschen Autofahrer recherchierten online Tarifoptionen und Leistungsumfang ihrer Fahrzeugversicherung. Damit sei das Internet die zweiwichtigste Informationsquelle für Kfz-Versicherungen nach der persönlichen Beratung in einer Geschäftsstelle (von 43,4 Prozent der Befragten genutzt).
Es fällt auf: Zwischen den Ergebnissen beider Untersuchungen zur Nutzung des Internets von deutschen Autofahrern bei der Recherche nach Kfz-Vericherungstarifen liegen knapp 37 Prozent! Laut der von FinanceScout24 veröffentlichten Befragung greifen rund zwei Drittel der deutschen Autofahrer zu diesem Zweck auf das Internet zurück, bei den von der DA Direkt Versicherung mitgeteilten Ergebnissen ist es nur ein Drittel – obwohl die Fragestellung in der ersten Umfrage sogar spezieller auf Online-Vergleichsportale abzielt.
Mit einer Messungenauigkeit ist die Differenz zwischen den Untersuchungsergebnisse wohl kaum zu erklären. Deshalb zunächst eine Plausibilitätsprüfung: Laut ARD/ZDF-Onlinestudie nutzen in Deutschland 67,1 Prozent der Erwachsenen das Internet zumindest gelegentlich. Würden sich, wie die erste Untersuchung behauptet, zwei Drittel der deutschen Autofahrer online über ihre Kfz-Verischerungen informieren, hieße das, dass quasi jeder deutsche Autofahrer, der das Internet nutzt, dort auch Informationen zur Kfz-Verischerung recherchiert. Das ist nicht völlig auszuschließen; es wäre zum Beispiel möglich, dass die deutschen Autofahrer im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung besonders internetaffin sind. Aber das Zahlenverhältnis macht die von FinanceScout24 veröffentlichten Ergebnisse verdächtig; ein Blick auf die Angaben zur Methode der Befragungen sollte sich lohnen.
Zur Umfrage der DA Direkt Versicherung erfährt man nur, dass sie von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) durchgeführt wurde. Das lässt nicht viele Rückschlüsse zu. Allerdings verfügt die GfK für gewöhnlich über die Ressourcen, relativ sauber bevölkerungsrerpäsentativ zu befragen. Die Studie von FinanceScout24 wurde durchgeführt von dem Marktforschungsinstitut innofact. Hier ist zur Methodik zu lesen: “Das ist das Ergebnis einer bevölkerungsrerpäsentativen Befragung unter mehr als 1.000 Internetnutzern.” Und genau da liegt das Problem: Ich kann noch so viele Internetnutzer befragen; das Ergebnis wird niemals repräsentativ sein für die Gesamtbevölkerung in Deutschland. Die Befragten in der Stichprobe unterscheiden sich nämlich in einem Merkmal systematisch von der Grundgesamtheit der deutschen Bevölkerung: Sie alle nutzen das Internet, während in der Gesamtbevölkerung nur 67,1 Prozent der Menschen dies tun. Der daraus resultierende Fehler in den Befragungsergebnissen mag bei manchen Themen vielleicht gar nicht so gravierend sein. Interessiere ich mich aber für Thema der Internutzung in der deutschen Bevölkerung (oder unter deutschen Autofahrern) ist der Fehler fatal; die Nutzung des betreffenden Internetangebots wird zwangsläufig systematisch überschätzt werden.
Einfaches Beispiel: In meiner nahen Verwandtschaft kenne ich vier Autofahrer. Zwei davon sind Internetnutzer, die beiden anderen nicht. Unter den beiden Internetnutzern informiert sich einer online über Kfz-Versicherungen. Mache ich einen Rundruf unter meinen vier Verwandten und frage sie nach der Nutzung des Internets zur Information über Kfz-Versichungen, werde ich zu dem Ergebnis kommen, dass einer von vier das Internet zu diesem Zweck nutzt, also 25 Prozent. Befrage ich meine vier Verwandten zum gleichen Thema online, werde ich dagegen als Ergebnis erhalten, dass 50 Prozent meiner Verwandten das Internet zur Information über Autoversicherungen nutzen. Der nicht unbedeutende Unterschied kommt dadurch zustande, dass ich meine Verwandten, die das Internet ohnehin nicht nutzen (meine Mutter und meinen Großvater), durch die Wahl der Befragungsmethode von Anfang an aus der Untersuchung ausgeschlossen habe. Ich habe einfach so getan, als zählten sie nicht zu meinen Untersuchungsobjekten.
Auf diese Weise sind Untersuchungsergebnisse zur Internetnutzung, die allein online erhoben wurden, immer nach oben verzerrt, wenn sie zur Gesamtbevölkerung in Relation gesetzt werden. Online-Befragungen können für die Gruppe der Internetnutzer repräsentativ sein; sie können aber (noch) nicht repräsentativ sein für die Gesamtbevölkerung. Deshalb erscheinen hinsichtlich der Informationssuche nach Kfz-Versicherungen im Internet die Zahlen der zweiten Untersuchung deutlich plausibler. Die Ergebnisse der ersten Befragung sind dagegen bestenfalls ein PR-Gag.

Das erinnert mich an eine Erfahrung, die ich einst bei einem renommierten deutschen Verband erleben durfte: Man wollte herausfinden, wie beliebt Hörbücher bei Kindern und Jugendlichen sind. Selbstverständlich befragte man also Kinder und Jugendliche in einem gewissen Alter. Der Trick hierbei, dies auf einer Messe für Kinder- und Jugend(hör-)bücher zu machen. Das Ergebnis war überwältigend; zwischen 80 und 90 Prozent aller Kinder und Jugendliche, so die spätere PR-Meldung, hören Hörbücher. Die Meldung stand in zahlreichen großen deutschen Zeitungen. Ich würde vermuten, dass derartige Tricks bei der Stichprobe zum Methodenkoffer bei vermutlich alles andere als wenig kommerziellen (PR-)Untersuchungen gehört. Das müsste man tatsächlich mal systematisch erforschen, wie viel de-facto Datenmüll im Schnitt jeden Tag in den “seriösen” Zeitungen steht.
Grüße
Jens